Eine Frage der Haltung. Welche Werte vertreten Museen?

DMB Jahrestagung 2018 in Bremen

Von Norman Beberhold

Oder: Wie politisch kann ein Museum sein? Eine Rückschau auf die Jahrestagung des Deutschen Museumsbunds e.V. vom 6.-9. Mai 2018 in Bremen.

Das waren zentrale Fragen, wie sie auf der 18. Jahrestagung des Deutschen Museumsbundes tatsächlich heiß diskutiert wurden. Allein die Zahl der Teilnehmer im Hauptsaal während der Panels und Vorträge waren ein Statement. Dieses Thema brennt den Museen sprichwörtlich unter den Nägeln. Volle drei Tage diskutierten in den Räumen der Bremer Glocke mehrere hundert Teilnehmer leidenschaftlich, offen und transparent, welche Werte Museen vertreten und vertreten sollten. Und noch wichtiger: Ist das eine Frage der Haltung? Und wie drückt sich diese praktisch aus?

Das Ergebnis kurz vorab: Für eine derart komplexe Themensetzung an sich gibt es keine pauschalen, einfachen Lösungen oder Leitfäden, auch nicht nach einer solch intensiven Debatte. Vielmehr ist der Diskurs an sich ein Ausrufezeichen. Man hätte die Tagung mit vermeintlichen Themen zum Wohlfühlen besetzen können. Das Team um die Organisatoren des Deutschen Museumsbundes und der Verantwortlichen vor Ort haben nach einigen Monaten der Vorbereitung, interner Diskussion und Organisation sehr bewusst diesen Haltungsfragen aufgegriffen und in den Fokus gerückt. Und dies zudem in einem zeithistorischen Kontext, in welchem extreme Parteien mit populistischen Parolen immer mehr Zulauf erhalten, autoritäre Regime auf Kulturschaffende repressiv einwirken und einfachste wissenschaftliche Grunderkenntnisse von politischen Handlungsträgern in Frage gestellt werden dürfen. Doch damit nicht genug, des weiteren wirken Debatten um Sexismus, Integration, Rassismus und die Zukunft der westlichen Wertegemeinschaft auf die Träger kultureller Institutionen und damit unmittelbar auf die deutsche Museumslandschaft zurück. Die Tagung war Spiegel und damit Ausdruck unsere Zeit. Dennoch ging sie über eine bloße Nabelschau hinaus.

Konkret wurden auf dem Museumstag unter anderem folgende Fragestellungen diskutiert: Wer hat die Deutungshoheit bei einer Ausstellung? Wieweit können, sollen, dürfen sich Museen politisch äußern? Müssen Museumsschaffende überhaupt, neben ihren anderen Aufgaben, sich in der einen oder anderen Form politisch verhalten? Wenn ja, auf welchem Wege? Welche Haltungen gilt es einzunehmen, wenn politische Funktionäre oder andere Interessengruppen auf konkrete Fragen des Museumsalltages Einfluss nehmen?

Diese essentiellen Fragen wurde nicht nur grundsätzlich diskutiert, sondern teilweise heiße Debatten stießen bis in den Kern der Problemstellungen vor. Spannende Inputs lieferten zudem sehr reale Beispiele. Von offensichtlichen Eingriffen durch kommunale und lokale Trägerschaften der Häuser abgesehen, wurden auch Beispiele von diversen Lobby- und Kleingruppen genannt, die auf subversive Weise auf die Außendarstellung und bildungspolitische Leitlinien von Museen einzuwirken versuchen. Dies kann auf diverse Art und Weise erfolgen, sei es durch Kommentierung, Personalentscheidung oder eben anhand ausbleibender Projektfinanzierung. Als sprichwörtliches heißes Eisen sei an dieser Stelle das Jüdische Museum Berlin genannt. Dessen Leiterin Leontine Meijer-van Mensch äußert sich genuin auch tagespolitisch bzw. sieht es als ihre Aufgabe dies zu tun, indem sie Exponate, bspw. eine Kippa in Ausstellungen bringt oder Reaktionen von Besuchern im Rapid-Response-Verfahren abfragt. Hier kann man aufgrund der außenpolitischen und hochkomplexen Situation des Nahost-Konfliktes davon ausgehen, dass jede Schau und jedes Exponat per se als Politikum wahrgenommen und in der Öffentlichkeit diskutiert werden wird. Die Schaffenden des Jüdischen Museums nehmen diese Verantwortung an und äußern sich dementsprechend explizit politisch. Auch auf der Tagung in Bremen deutlich und bekennend.

Inwieweit ein detailliertes Leitbild für ein Museum dabei Orientierung geben kann, welchen Wert dieses hat und ob sich das Museum als Institution via Leitbild als weltanschauliches Vehikel äußern sollte, war an dieser Stelle übrigens eine hart umkämpfte Frage, die wohl eben die Menschen im und am Museum für sich entscheiden müssen. Denn wie mehrfach deutlich besprochen wurde: “Es sind die Menschen, die das Museum gestalten!”.

Anschaulich zeigten die Panels mit konkreten Fallbeispielen aus der deutschen Museumslandschaft, dass Museen ein Ort des Diskurses, des Austausches und der Diskussion sind. Zudem verfügen sie über politische Handlungsspielräume und können diese bei Bedarf auch nutzen. Als lebendige öffentliche Orte werden politische Themen verhandelt, dar- und ausgestellt. Gerade die Beispiele des Panzermuseums Münster (Ralf Raths: Kein Panther ohne Auschwitz) oder des Freilichtmuseum Kloster Veßla (Uta Bretschneider: Der Nazi nebenan, oder: Wie wird ein ängstliches Museum mutig?) zeigten dies beeindruckend. Als Institution agieren die Häuser nicht im poltikfreien Raum, sondern im öffentlichen Kontext. Tagespolitische und zum Teil parteipolitische Fragen ragen in diesen Diskussionsraum hinein oder werden, wie am Hennebergischen Exempel bedrückend beeindruckend dargelegt, ins Museum hineingetragen. Inwieweit dann Handlungsspielräume genutzt werden, wie klar politische Statements beispielsweise durch Protestformen, bspw. Transparente, Pressestatements oder auch Social-Media-Diskussionen mit und in einer “Empörungsgesellschaft” (so der Impulsgeber und ZEIT-Journalist Dr. Hanno Rauterberg) positioniert werden, darüber gab es zumindest in Bremen keinen Konsens. Der bemerkenswerte Tenor aller Diskussionen war, dass ein Bekenntnis zur freiheitlich-demokratischen-Grundordnung, zum Grundgesetzt und zu klassischen humanistischen Werten die Basis für die benannten Handlungsspielräume bilden und den Rahmen geben muss. Ohne in einen Bekenntniszwang zu münden, ließe sich anhand folgender Stichworte ein Wertekanon umreißen:

Akzeptanz der historischen Situation, deren Reflexion und Anerkennung der sich daraus ableitenden Verantwortung. Der Bildungsauftrag für ein mündiges Publikum. Ein Bekenntnis zu Diversität und Toleranz, klare Stellungnahmen gegen menschenverachtende, diskriminierende und antidemokratische Positionen.

Dass Museen neben diesen reaktiven Bezügen zu tages- und parteipolitischen Fragen zudem selbst in den öffentlichen Diskurs eingreifen, Themen setzen und Diskussionen auslösen, zeigten weitere Referenten. Die Ausstellung des Schifffahrtsmuseum Flensburg, die die kolonialgeschichtliche Wirkung und die Rolle der ehemals dänischen Hafenstadt im Kontext des internationalen Zuckerrohr- und Rumhandels aufzeigte, war nicht nur lokal höchst umstritten (Susanne Gigull: Zwischen Nestbeschmutzung und gesellschaftlicher Verantwortung: Rum, Schweiß & Tränen). Allein die Rolle einer afroamerikanischen Kuratorin, deren Verwendung des Begriffes “afrikanischer Holocaust” und die Entfolklorisierung des Lokalevents der “Rum-Regatta” wurden zu einem sowohl in Flensburg selbst als auch überregional diskutierten Politikum.

Bei allem Engagement und wünschenswerten Debattenbeiträgen, kam eindeutig ein wichtiger Aspekt der Haltungsfrage(n) sehr wenig zum Tragen. Museen und deren Entscheidungsträger agieren nicht in einem politisch neutralem Umfeld. Die Inszenierung der eigenen Geschichte am und im Ort des Museums ist selbst historisch. Die Auswahl und Themensetzung ist per schon Statement und folgt zumindest einer bildungspolitischen Intention. Werden durch das Medium Ausstellung Beiträge zu politischen Debatten geleistet, so finden diese meist in anderen Medien ein Echo oder Anknüpfungspunkte. Politisch zugespitzte und tagesaktuelle Ausstellungen, wie bspw. solche zur Geschichte des Kolonialismus, zur Rolle des Klimawandels oder zum Thema Gender in der Militärgeschichte werden durch andere Medien rezipiert, in Feuilletons besprochen und geben politischen Akteuren Argumentationsgrundlagen. Ausstellungsthemen spiegeln damit selbst die Entwicklung gesellschaftspolitischer Debatten wider und wirken auf das Publikum und das Museum zurück. Denn diese Ausstellungen generieren oft einen höheren medialen Interaktionsgrad und werden damit häufig zu wahren Besuchermagneten, indem sie medial verstärkt werden. Dort, wo das Medieninteresse die Besuchszahlen in die Höhe treibt, verstärkt die Institution Museum wiederum die öffentlichen Diskussionen, wird Teil gesellschaftspolitischer Debatten und damit ganz selbstverständlich politischer Akteur.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die sehr gut vorbereitete, stark besuchte und lebhaft diskutierte Bremer Jahrestagung des DMB wohl eine längst überfällige Debatte nicht nur erneuert hat, sondern dem Fachpublikum diverse Strategien im Umgang mit verschiedenen Haltungsfragen mit auf den Weg geben konnte. Zumindest die immer wieder beschworene Wertegemeinschaft und das humanistisch geprägte Bildungsideal machen Hoffnung, dass einzelne Häuser und ihre Träger, die Menschen in den Museen, Wege finden werden, mit kommenden Herausforderungen in einer politisch komplexer werdenden Gesellschaft umzugehen und im konkreten Falle eine Haltung einzunehmen.

(Norman Beberhold ist bei KULDIG zuständig für den Bereich Beratung/Konzeption und selbst passionierter Kulturhistoriker)